SmartWeekly 20.02.2026 | Page 2

Aus der Redaktion 02

Benjamin Lorenz, Chefredakteur

Zwischen Pixeln und Pioniergeist

Ich bin ein Kind der 90er. Jahrgang

1981. Und ich vermisse diese wilde, unfertige Tech-Zeit. Ich erlebte die 90er nicht als Retrotrend, sondern als digitales Erwachen. Ich war Teenager, als Modems noch kreischten, Röhrenmonitore flimmerten und ein PC mehr Schrauben als Software kannte. Technik war kein Lifestyle- Accessoire – sie war Abenteuer.

Meinen ersten PC

Technik hatte in den 1990ern Macken, aber genau das machte sie magisch. habe ich selbst zusammengeschraubt. Ohne YouTube-Tutorial. Handbuch, Jumper, BIOS-Piepen, Krisen. Wer damals eine Soundblaster-Karte einbaute, wusste: Das hier ist echtes Handwerk. „ Plug-and-Play“ war eher „ Plug-and-Pray“. Aber genau das machte es aus. Technik hatte Widerstand. Und wer sie beherrschte, hatte sie sich verdient.

Dann dieser Moment, als ich zum ersten Mal eine DVD sah. Nach Jahren mit VHS – Bandsalat, Spulgeräusche, verwaschene Farben – wirkte das Bild plötzlich wie aus einer anderen Welt. Klare Kontraste, kein Zurückspulen, Kapitelauswahl per Fernbedienung. Ein Qualitätssprung, der sich nicht in Prozent messen ließ, sondern in offenstehenden Mündern. Heute streamen wir in 4K HDR. Damals war eine DVD die pure Zukunft.

Und natürlich: Super Mario auf dem Game Boy! Dieses graugrüne Display, das bei Sonnenlicht gerade noch erkennbar war. Vier AA-Batterien als Lebensversicherung. Ich erinnere mich an Momente zwischen Euphorie und totalem Ausraster, wenn ein Sprung pixelgenau misslang. Speichern? Fehlanzeige. Man lernte Level auswendig. Technik war fordernd. Und gerade deshalb belohnend.

Die 90er waren auch das Jahrzehnt des ersten Internets für Zuhause. 56k-Modem, Minutenpreise, AOL. Jede Verbindung war eine Entscheidung. Heute ist Konnektivität selbstverständlich, damals ein Ereignis.

Rückblickend waren viele Geräte klobig, langsam, laut. Aber sie hatten Charakter. Ein Discman übersprang bei jedem Schritt. Und Windows 95 konnte an einem schlechten Tag alles sabotieren.

Doch genau diese Ecken und Kanten machten Technik greifbar. Man verstand sie, weil man sich mit ihr auseinandersetzen musste.

Heute ist vieles perfekter. Schneller. Nahtloser. Aber manchmal auch austauschbarer.

Jeder neue Standard war ein Versprechen auf eine bessere Zukunft.

In den 90ern spürte man den Fortschritt körperlich. Jeder neue Standard – MP3, DVD, USB – war ein Versprechen auf eine bessere Zukunft. Vielleicht verkläre ich das alles ein wenig. Aber als Kind der 90er weiß ich: Diese Dekade hat meine Technikbegeisterung geprägt. Nicht trotz ihrer Unvollkommenheit, sondern wegen ihr.

Danke, dass du SmartWeekly liest!

SmartWeekly liest du am besten auf dem Smartphone oder Tablet. Für iOS und Android!